Geh´ als Mensch zu deinem Kind

Egal ob Robbie Williams, Philipp Lahm oder Otto Normalpapa

In unserer erwachsenen Welt legen wir oft viel Wert darauf, was jemand ist. Dabei stützen wir uns auf Informationen wie Alter, Wohnort, Beruf, Auto und Kleidung. Anhand dieser Fakten versuchen wir, unser Gegenüber in eine Kategorie einzuordnen, aus der er dann nur sehr schwer wieder rauskommt.

Bei Kinder ist das ganz anders. Ihnen ist egal, wie berühmt, erfolgreich oder wohlhabend eine Person ist. Ihnen ist wichtig, dass wir ihnen als Mensch begegnen - authentisch, gleichwürdig, achtsam, liebevoll und wertschätzend. Sie möchten mit Menschen in Kontakt kommen, zu denen sie emotionale Beziehungen aufbauen können. Menschen, die Grenzen haben und für diese eintreten. Sie möchten mit Menschen interagieren, die ihnen Zeit und Bewusstsein schenken. Sie suchen Menschen, die mit ihnen Alltag leben und gestalten. Kurz, sie achten darauf WER wir sind und nicht WAS.

Vor einigen Tagen war ich auf dem Robbie-Williams-Konzert in Dresden. Dort hat der Musiker es wie folgt formuliert: “When my doughter see me on televisison, she ask my wife: After we watched Daddy can I watch what I want?” (“Wenn mich meine Tochter im Fernsehen sieht, fragt sie meine Frau, ob sie anschließend schauen kann, was sie möchte.”) Egal ob Rock-Star, Fußball-Profi, Oberarzt oder Buchhalter, Kinder wollen von uns gesehen werden. Status und Erfolg sind ihnen egal. Schätzen und genießen wir diesen ungetrübten und unbestechlichen Blick unsere Kinder und kehren für sie zu unserem Kern als Menschen zurück.

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Der Mittagsschlaf

Oder wie sich Eltern und Kinder Pausen im Familienalltag schaffen

Bekanntermaßen schläft ein neugeborenes Baby die meiste Zeit des Tages und gönnt Mama und Papa anfangs etwas Zeit, um selbst erst einmal in der neuen Rolle als Eltern eines oder dann mehrerer Kinder anzukommen. Allerdings verändert sich das Schlafverhalten unserer Kinder mit zunehmendem Alter. Erst wird aus dem scheinbar dauerhaften Schlafen ein erkennbares Muster, das oft aus einem Vormittags-, einem Mittags- und einem Nachmittagsschläfchen besteht. Diese können allerdings in ihrer Länge von Kind zu Kind sehr unterschiedlich sein. Dann entfällt bei den meisten Kindern eines dieser drei Schläfchen im Laufe des ersten Lebensjahres. Bis zum Alter von 18 Monaten schläft die Mehrheit der Kinder dann lediglich einmal am Tag, meist um die Mittagszeit herum. Diese regelmäßigen Schläfchen geben den Eltern die Möglichkeit, sich selbst eine Pause zu gönnen, wichtige Dinge zu erledigen, die ihre voll Konzentration erfordern oder Paarzeit zu verbringen. Was aber tun, wenn diese so wertvolle Zeit durch die zunehmende Wachheit des Kindes knapper wird?

Der “geregelte” Mittagsschlaf

Den meisten Kleinkindern merken ihre Eltern um die Mittagszeit an, dass der Akku erst einmal leer ist und an die Ladestation gehangen werden sollte. Dann ist es an den Eltern, die geeigneten Schlafbedingungen für das eigene Kind herzustellen. Das kann ein einschlafbegleiteter Mittagsschlaf im Bett, ein Spaziergang mit Trage oder Kinderwagen aber auch eine Autofahrt sein. Wichtig ist, dass die Eltern diese Pause nutzen, um auch ihre eigenen Ressourcen zu überprüfen. Denn nach einem erholsamen Mittagsschlaf erwartet sie nicht selten ein energiegeladenes Kind, das spielen, toben und entdecken möchte.

Die Phase, in der Kleinkinder ziemlich verlässlich ihren Mittagsschlaf einfordern und auch nach wenigen Minuten eingeschlafen sind, ist eine sehr wertvolle Zeit. Pausen für die Eltern oder Erledigungen sind gut planbar. Und trotz Mittagsschlaf sind die Kinder abends dennoch ausgepowert und müde.

Der “verweigerte” oder "ausschleichende" Mittagsschlaf

Gleich vorab: Dies ist für die Eltern oft die anstrengendste Phase. Da der Mittagsschlaf ein endliches Phänomen ist, schleicht er sich, je nach individuellem Schlafbedarf des Kindes, früher oder später langsam aus. Dann kommt die Zeit, in der das Kind um die Mittagszeit schon noch müde wird und das auch anzeigt, z. B. durch nachlassende Konzentration, Stimmungsabfall oder gar Weinen. Dennoch möchte es oft keinen Mittagsschlaf mehr machen, weil es ja schon groß ist und es jede Menge spannender Dinge zu entdecken gibt. Außerdem ist die Müdigkeit in dem Alter mittags nicht mehr so groß, dass dem Kind sofort die Augen zufallen. Vielmehr erfordert es etwas Geduld einzuschlafen. Ein Machtkampf um den Mittagsschlaf macht in dieser Situation keinen Sinn, denn eine Diskussion mit einem müden Kind ist selten von Erfolg gekrönt und führt meist lediglich zu einer Blockade auf beiden Seiten. Manche Kinder nehmen sich mittags die Ruhe, die sie brauchen selbst und ziehen sich für eine entspannende Tätigkeit zurück. Sie schauen Bücher an, kommen kuscheln, möchten vorgelesen bekommen, malen oder hören ein Hörspiel. Dies kann von den Eltern auch angeboten und liebevoll begleitet werden.

Eine andere Möglichkeit ist, dass Eltern in ihrer Verantwortung den Tagesablauf so planen, dass zur Mittagszeit eine Fahrt mit dem Auto oder Fahrrad ansteht, denn im Autositz oder Fahrradanhänger schlafen oft die hartnäckigsten “Schlafverweigerer” selig ein. Das ist eine gute Alternative, wenn viele mittagsschlaffreie Tage aufeinander folgen und sich das Schlafdefizit summiert. Gleichzeitig wird daran deutlich, welchen Vorteil es hat, wenn das Kind zunehmend unabhängiger vom Mittagsschlaf wird: Die familieninterne Tagesplanung wird flexibler und Ausflüge können für den gesamten Tag geplant werden.

In der Phase des ausschleichenden Mittagsschlafes ist es wichtig, dass die Eltern auf ihre eigenen Kraftreserven achten und sich kleinere Pausen und Erholungsinseln im Alltag schaffen. Kinder haben Verständnis dafür, wenn die Mama mal zehn Minuten in Ruhe ihren Kaffee trinken möchte oder der Papa den Sportteil der Zeitung studiert. Alle Familienmitglieder haben ein Recht auf Erholung, das im Familienalltag Berücksichtigung finden sollte.

Wenn die elterlichen Ressourcen an manchen Tagen knapp sind und die Nerven blank liegen, weil die Nacht schlaflos war, kann auch ein Märchenfilm für Entspannung sorgen. Wenn sich die ganze Familie auf der Couch zusammen kuschelt, können die Eltern durchschnaufen oder gar kurz die Augen zumachen und die Kinder entspannen ebenfalls. Für mich persönlich ist der Fernseher kein Allheilmittel, aber bevor ich über meine Grenzen gehe und meine Kinder anschreien ist er für mich ein adäquates Hilfsmittel. Voraussetzung ist dabei für mich, dass ich weiß, was meine Kinder schauen und ich dabei bin, wenn sie fernsehen. So können sie mich jederzeit ansprechen, wenn sie Fragen zum Gesehenen haben. In der Zeit, in der die Tage mit Mittagsschlaf abnehmen, können wir meist noch ein weiteres Phänomen beobachten: Im Kindergarten machen die Kinder oft noch bereitwillig ihren Mittagsschlaf, während er zu Hause längst abgeschafft wurde. Das liegt zum großen Teil daran, dass im Kindergarten eine Gruppendynamik besteht. Wenn sich alle Kinder mittags hinlegen, gibt es wenig Spielraum für Diskussionen. Oft lassen sich Kleinkinder auch am Wochenende beispielsweise vom Papa noch gut ins Bett bringen, während die Mama keine Chance mehr hat. Auch das ist normal und der Hierarchie der Bezugspersonen geschuldet.

Der “abgeschaffte” Mittagsschlaf

Wenn die Phase des ausschleichenden Mittagsschlafs überstanden ist, kommt die Zeit, in der der Mittagsschlaf ganz abgeschafft wird. Jetzt können die Kinder den fehlenden Schlaf sehr gut kompensieren, die Laune bleibt den gesamten Tag über relativ stabil und auch im Auto schlafen sie nur noch äußerst selten ein, z. B. wenn sie krank sind oder abends sehr lange wach waren.

Diese Zeit ist dann für alle Familienmitglieder sehr entspannt. Auch anstrengende Tagesausflüge können unternommen werden und die gesamte Alltagsgestaltung wird sehr flexibel. Aber auch hier gilt für die Eltern, die eigenen Kräfte im Blick zu behalten und sich Pausen zu nehmen.

Bei uns ist das ganz anders

Und das ist absolut normal und gut so. Denn wie bei Erwachsenen sind auch Kinder in ihrem Schlafverhalten sehr individuell. Das betrifft sowohl die Gesamtdauer des Schlafes als auch dessen Verteilung auf den Tag. Auch die Schlafbedingungen können komplett verschieden sein - auch zwischen Geschwisterkindern. Während das eine Kind die immer gleichen Rahmenbedingungen benötigt, um gut einschlafen zu können, schläft das andere Kind wo es geht und steht. Daher ist es wichtig, dass die Eltern ihr Kind gut kennen und liebevoll und entspannt auf dessen Bedürfnisse eingehen können.

 

Katja Schill


Wer mehr über den Babyschlaf im Allgemeinen wissen möchte, kann sich für einen unserer BabySteps-Kurse anmelden.

Wer eine individuelle Schlafberatung wünscht, kann uns gern eine Terminanfrage senden.

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Unsichere Rechtslage auf dem Spielplatz

Von Spielplatz-Rabauken und Erwachsenen als Ordnungshüter

Wer denkt, dass Spielplätze “rechtsfreie Räume” sind, in denen sich Kinder frei von elterlicher Einflussnahme bewegen und miteinander interagieren können, der irrt. Auch hier tritt der gemeine Erwachsene, meist in Form eines Elternteils oder der Großeltern, häufig regelnd und moralisierend in Erscheinung.

Es ist mittlerweile hinlänglich bekannt, dass Kinder erwachsenenfreie Zeit brauchen, um sowohl ihr Sozialverhalten als auch ihre motorischen Fähigkeiten testen und schulen zu können. Leider bekommen sie diese viel zu selten, oft nicht einmal auf dem Spielplatz.

Regelnde Erwachsene

Nicht selten sehe ich, dass Erwachsene selbst größere Kinder ab drei Jahre auf Schritt und Tritt über den Spielplatz begleiten, sich an der Rutsche postieren und gewissenhaft dafür sorgen, dass sich alle Kinder anstellen und niemand die Rutschfläche hochklettert anstatt sie runter zu rutschen. Oder sie klären kleinere Kinderbanden, die ein Spielgerät ausschließlich für sich beanspruchen, darüber auf, dass die Geräte allen gehören und folglich auch von allen benutzt werden dürfen. Wieder andere achten penibel darauf, dass an der Schaukel in regelmäßigen Zeitabständen gewechselt wird und jedes Kind einmal in das Vergnügen kommt, die Schaukel zu benutzen.

Ich beobachte sehr oft, dass Kinder derartige Konflikte gut untereinander klären, wenn sie Gelegenheit dazu bekommen. Genau in solchen Situationen können Kinder das beobachtete Sozialverhalten in der Praxis anwenden und verfeinern. Auf diese Art und Weise sammeln sie wichtige Erfahrungen. So wird beispielsweise die von Erwachsenen oft geforderte Geduld geschult, wenn ein Kind etwas länger warten muss, bis es schaukeln oder rutschen kann. Oder das Kind macht die Erfahrung, dass es größere und stärkere Kinder gibt, gegen die es sich entweder durchsetzen kann oder mit denen es sich arrangieren muss. Natürlich ist es für Eltern schwierig, das eigene Kind als “Verlierer” zu sehen, jedoch ist auch das Teil unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens und schult die Frustrationstoleranz unserer Kinder.

Moralisierende Erwachsene

Erwachsene greifen jedoch nicht nur regelnd in das Spielplatzgeschehen ein, sondern bewerten das Verhalten der Kinder auch anhand erwachsener Moralvorstellungen. So wird es nicht gern gesehen, wenn ein Kind an der Rutsche drängelt oder das Sandspielzeug eines anderen Kindes ungefragt benutzt. Dann wird das Kind auf sein “Fehlverhalten” hingewiesen und zur Regelkonformität aufgefordert. Dadurch moralisieren und problematisieren Erwachsene das altersgerechte Verhalten des Kindes.

Kinder sind bereit, soziale Regeln anzuerkennen und zu befolgen, denn sie wollen Teil der Gruppe sein. Wir als Eltern tragen Sorge dafür, dass unsere Kinder diese Regeln kennen lernen und in ihrem eigenen Tempo übernehmen können - ohne Belehrungen, Standpauken und moralische Bewertungen, sondern wertschätzend, liebevoll und achtsam.

Wer ist eigentlich im Recht?

Oft befinde ich mich angesichts der klassischen Spielplatzkonflikte selbst in einer Zwickmühle und scheue mich davor zu entscheiden, was richtig und was falsch ist. Wenn beispielsweise ein Kind auf einem Spielgerät sitzt und dieses für sich allein beansprucht, beruft es sich darauf, dass es zuerst da gewesen sei. Das wartende Kind seinerseits beruft sich darauf, dass der Spielplatz für alle da sei und man teilen müsse. Tja, für wen spreche ich mich jetzt aus? Welches Kind ist im Recht? Wobei “Recht” eine Denkkategorie Erwachsener ist. Kinder erwarten nicht, dass wir als Erwachsene Recht sprechen oder eine Lösung für ihre Konflikte finden. Wichtig an dieser Stelle ist, dass jedes Kind mit seinem Anliegen gehört wird. Denn ist es nicht vielmehr so, dass unsere Kinder empathische und liebevolle Eltern brauchen und nicht Richter, die über ihr Verhalten urteilen? In der Erwachsenenwelt treten Richter meist erst auf den Plan, wenn den Parteien über Kommunikation und Vermittlung keine Einigung gelungen ist. Diese Chance nehmen wir den Kindern, wenn wir uns zu früh einmischen. Wenn ich mich als Erwachsener in dieser Situation jedoch ganz entspannt zurücklehne, gebe ich den Raum für etwas ganz Tolles frei: Die Kinder kommen miteinander ins Gespräch und finden möglicherweise einen Ausweg, der mir selbst nie eingefallen wäre und mit dem beide zufrieden sind, weil dieser nicht von oben, sondern aus ihnen selbst heraus entstanden ist.

Spielplatz als Chillout-Zone für Erwachsene

Mein Vorschlag ist, dass auch Erwachsene die Zeit auf dem Spielplatz für sich selbst nutzen, ein Buch lesen, die Natur oder die eigenen Kinder beobachten und über deren Kompetenz staunen, sich zurücknehmen und vertrauen. Und doch bereit sind, wenn die Kinder sie um Hilfe bitten oder einfach nur gesehen werden möchten.

 

Katja Schill

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Mama, heute füttere ich dich

Baby led weaning mal anders herum

Vor ein paar Tagen hatte ich aus verschiedenen Gemüsesorten aus dem Kühlschrank spontan eine Gemüsecremesuppe gekocht. Gemeinsam am Tisch sitzend verzehrten alle Familienmitglieder genüsslich ihre Suppe. Nachdem meine dreijährige Tochter ihren Teller leer gegessen hatte, setzte sie sich auf meinen Schoß und meinte bestimmt: “So Mama, und jetzt füttere ich dich.” Sie griff sich meinen Löffel, befüllte ihn mit Suppe und hielt ihn mir erwartungsvoll direkt vor den Mund. Ich starrte auf den Löffel und irgendwie schnürte sich mir der Hals zu. Jemand anderes wollte mir etwas in den Mund schieben. Auch wenn es sich dabei um meine eigene Tochter handelte und ich bereits wusste, was auf dem Löffel war und dass es mir schmeckt, musste ich mich überwinden, meinen Mund zu öffnen und den Löffel passieren zu lassen. Mir wurde bewusst, dass der Mund eine sehr sensible Region und immerhin auch eine Körperöffnung ist. Aber ich hatte ja in das Spiel eingewilligt und wollte es ihr nun nicht verderben. Kaum hatte der leere Löffel meinen Mund verlassen, wartete bereits die nächste Fuhre darauf, eingelassen zu werden. Allerdings genoss ich gerade noch die vorangegangene Portion. Ich fühlte mich unter Druck gesetzt, nicht in meinem Tempo fertig kauen und schlucken zu können. Hastig schluckte ich runter. Wieder öffnete ich meinen Mund, dieses Mal schon etwas widerstrebender, und ließ meine Tochter gewähren. Allerdings war die Bewegung des Löffels zu schwungvoll und er stieß hinten in meinem Mund an. Das war sehr unangenehm. Und auch das Herausziehen des Löffels aus meinem Mund kam zu früh. Ich hatte noch nicht alles abgeleckt. Meine Tochter zog den Löffel durch meinen noch geschlossenen Mund und strahlte mich an. Das war der Moment, wo ich sie bat, wieder alleine essen zu können. Etwas enttäuscht gab sie mir meinen Löffel zurück und ich war erleichtert, wieder Herr über mein Essen sein zu können.

Ich stellte mir vor, wie es sich wohl für ein Baby anfühlt, eine unbekannte Nahrung von einer anderen Person in den Mund geschoben zu bekommen. Diese Person entscheidet, was auf den Löffel kommt, wie schnell er nachgefüllt wird, wie weit er in den Mund gesteckt wird und wie lange er drin bleibt. Das weckte in mir ein beklemmendes Gefühl. Ich persönlich bin bei der Nahrungsaufnahme sehr sensibel: Ich bin etwas wählerisch und esse sehr langsam. Diese Freiheiten sind für mich selbstverständlich, gehen aber verloren, sobald jemand anderes die Führung über meine Nahrungsaufnahme übernimmt.

 

Ein Baby kann sich meist noch nicht verbal ausdrücken und seinem Gegenüber Hinweise geben, was und wie viel es essen möchte. Hier kommt es ganz besonders auf die Achtsamkeit und Aufmerksamkeit des Erwachsenen an, die Signale des Babys zu erkennen und zu deuten. Oder wir belassen die Verantwortung für das Essen direkt bei unseren Babys, denn sie verfügen bereits von Anfang an über diese Kompetenz. Sie spüren Hunger und Sättigung und haben einen individuellen Geschmack. Sobald Babys die Beikostreifezeichen zeigen, können sie gemeinsam mit den Eltern am Familientisch sitzen und Fingerfood essen. Dabei spüren sie die Konsistenz des Essens, entdecken das Aroma jeder Zutat und können vom ersten Bissen an selbstbestimmt essen. Und auch ich werde meinen Löffel zukünftig wieder selbst in die Hand nehmen.

 

Die Beikosteinführung und die Beikostreifezeichen sind auch Thema in unseren BabySteps-Kursen.

 

Katja Schill

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Interview mit Nicola Schmidt

Liebe Nicola, wir freuen uns sehr, dass Du Anfang März auf Einladung von EINFACH ELTERN Dresden in die sächsische Landeshauptstadt kommst. Wir haben Dich zusammen mit Julia Dibbern bereits 2014 und 2016 auf dem Attachment Parenting Kongress in Hamburg gesehen und waren total begeistert von Eurer lockeren, anschaulichen und sehr persönlichen Vortragsweise und den inspirierenden Themen. Daher sind wir schon sehr gespannt auf Deine Lesung und Deinen Windelfrei-Workshop in Dresden.

EINFACH ELTERN Dresden:

Nun zu unseren Fragen an Dich: Wenn ich gefragt werde, was mein Herzensprojekt ist, sage ich, dass ich mich für eine bindungs- und bedürfnisorientierten Elternschaft engagiere. Oftmals blicke ich dann in fragende Augen. Meine nächste Antwort ist dann oft, dass ich mich für einen artgerechten Umgang mit Kindern einsetze. Dann schwankt der Gesichtsausdruck meines Gegenübers oft zwischen entsetzt und zweifelnd. Aber tatsächlich haben Julia Dibbern und Du den Begriff des artgerechten Lebens geprägt, nicht zuletzt durch die Gründung Eures artgerecht-Projekts. Was verstehst Du darunter und wie seid Ihr auf dieses Thema gekommen?

 

Nicola Schmidt:

Als mein Sohn geboren wurde, hatte ich keine Bücher gelesen außer Julias „Geborgene Babys“. Er kam drei Wochen zu früh – und ich hatte noch nicht mal Babyklamotten eingekauft. Im Geburtshaus haben sie ihm dann nach einer sehr schnellen, unkomplizierten Geburt die Kleider von der Vorführpuppe angezogen, damit ich ihn überhaupt mitnehmen konnte!

So starteten wir völlig blauäugig in das Eltern-Abenteuer und es zeigte sich, dass das Kind sich prima entwickelte. Nur um mich herum waren alle verstört und sagten, man bräuchte doch ein Babybett und einen Kinderwagen und einen Schnuller und und und.... Als ich mich dann schlau machte, wie „man“ es zu machen hat, bekam ich an jeder Ecke andere Antworten. Also habe ich mich gefragt: Alle reden von artgerecht gehaltenen Hühnern und artgerecht gefütterten Hunden. Was wäre denn – fern von allen Ideologien und Moden – artgerecht für Menschenbabys? Und dann habe ich mich auf die Suche gemacht.

 

EINFACH ELTERN Dresden:

Ihr werbt ja nicht nur für ein artgerechteres Leben von Babys und Kleinkindern. Nein, dieses Thema betrifft ja auch Kinder im Schulalter und auch Erwachsene. Wieso leben wir zu untypisch für unsere Art und was resultiert daraus für uns alle?

 

Nicola Schmidt:

Das ist eine sehr komplexe Frage. Meine Recherchen haben ergeben, dass wir hier über sehr lange Prozesse reden. Es hat wahrscheinlich mit dem Ackerbau und der neolitischen Revolution begonnen. Am Ende steht eine Zivilisation, in der wir nicht mehr artgerecht leben. Wir können viele unserer arttypischen Verhaltensweisen nicht ausleben. Viele Menschen haben zu wenig soziale Kontakte, zu wenig Zeit für Muße, bekommen zu wenig frische Luft und Sonnenlicht oder zu wenig Schlaf.

Und wie Tiere im Zoo werden wir von nicht-artgerechtem Leben krank. Das ist auch das Kriterium für alles, was das artgerecht-Projekt untersucht: Macht uns dieses Verhalten gesund oder krank? Macht es unsere Kinder gesund oder krank?

Aber wer will auf das Internet und seine Waschmaschine verzichten? Ich nicht! Also stelle ich auch die Frage, wie wir das, was wir brauchen, in unsere Welt einbauen können. Denn die Zivilisation hat viele, viele Vorteile mit sich gebracht. Wir müssen eigentlich nur noch mit den Nachteilen achtsamer umgehen.

Das Schöne daran ist: Was gut ist für den Homo sapiens ist in der Regel auch gut für unseren Heimatplaneten. Deshalb heißt es auch auf unseren T-Shirts: Happy Familys – Happy Planet.

 

EINFACH ELTERN Dresden:

Dein Baby-Buch, aus dem Du in Dresden u. a. lesen wirst, hat den Untertitel “Das andere Baby-Buch”. Was ist so anders an deinem Buch?

 

Nicola Schmidt:

Wenn ich mit Profis rede, höre ich oft: „Naja, Nicola, so deutlich darf man das den Eltern nicht sagen, damit sind die überfordert“ oder „Nicola, das sollten Eltern gar nicht wissen, sonst wird alles zu kompliziert.“

Das sehe ich anders. Ich finde schon, dass Eltern ein Recht auf Information haben. Ich hätte vieles sehr gerne vorher gewusst! Das Artgerecht Babybuch ist daher ein Buch für Eltern, die es wissen wollen. Die alles ganz genau wissen wollen, um dann ihre eigene Entscheidung treffen zu können. Ich sage niemandem, wie es zu machen ist. Ich schreibe ausschließlich, was nachweislich gut für die mentale und körperliche Gesundheit unserer Kinder ist – und dann entscheiden die Eltern.

EINFACH ELTERN Dresden:

Neben dem Schreiben von Büchern gibst du auch Windelfrei-Workshops und bildest Windelfrei-Coaches aus. Auf die Tatsache, dass Babys (fast) windelfrei leben können, ernte ich oft die gleichen Reaktionen wie auf meine Antwort zur artgerechten Lebensweise. Was verstehst Du unter windelfrei und wie kann es funktionieren?

 

Nicola Schmidt:

Windelfrei heißt eigentlich: Ich sehe, wann mein Baby Hunger hat und ich sehe, wann es mal muss. Das kann sehr viele Missverständnisse zwischen Eltern und Kindern vermeiden. Der Klassiker ist doch: Das Baby stillt und dockt an der Brust ständig an und ab. Eltern verzweifeln oft daran, warum stillt es denn nicht? Die Antwort: Das ist ein Zeichen für eine volle Blase. Wenn man das Kind abhält, stillt es ruhig weiter.

Meine Arbeit zielt darauf, diese Art von Missverständnissen zu reduzieren und so den Alltag mit dem Baby einfacher zu machen. So lernen Eltern, ihre Babys plötzlich viel besser zu verstehen. Und wer öfter abhalten möchte – bitteschön! Vielen macht es soviel Spaß, dass sie dann bald nur noch wenige Windeln brauchen. Und das ist gut gegen Wundsein, gut fürs Sauberwerden und gut für die Umwelt.

 

EINFACH ELTERN Dresden:

In Eurem neuesten Buch “Slow family” beschäftigt Ihr Euch mit den Vorteilen eines gelassenen, naturverbundenen und nachhaltigen Familienleben. Ich bin fast durch mit dem Buch und finde es sehr inspirierend. Was ist Euer großes Ziel hinter all Euren Projekten und Engagements?

 

Nicola Schmidt:

Wir wollen den Planeten retten. Im Ernst. Julia und ich glauben daran, dass wir eine neue Generation Menschen brauchen, die achtsam mit Ressourcen umgeht. Wir haben so viele Menschen, die nach einer traumatischen Kindheit sagen: „Blauwale? Ist doch nicht mein Problem!“ Aber wenn es den Blauwalen schlecht geht, geht es allen schlecht. Alles ist eins. Es ist klar, dass wir das Ruder herumreißen müssen. Deshalb versuchen wir, möglichst vielen Menschen zu zeigen, wie man empathische Menschen erzieht – von Anfang an. Denn diese Menschen werden wir brauchen.

 

EINFACH ELTERN Dresden:

Was muss Eurer Auffassung nach passieren, damit wir diesem Ziel näher kommen?

 

Nicola Schmidt:

Wir haben 2017 das 2-Grad-Ziel verpasst, die Erde wird 2 Grad wärmer werden. Das kling wenig, aber wer „This changes everything“ liest, weiß, dass das viel ist. Unsere Kinder werden sehr viel Empathie und Phantasie brauchen, um diesen Planeten weiter bewohnen zu können. Wir möchten dabei helfen, ihren Rucksack dafür mit Liebe, Kraft und Mut zu füllen. Die Früchte dieser Arbeit wird man erst sehen, wenn ich schon lange wieder zu Erde geworden bin. Aber ich glaube fest daran, dass es sie geben wird.

 

EINFACH ELTERN Dresden:

Vielen lieben Dank, dass Du Dir Zeit für unsere Fragen genommen hast. Wir sehen uns bald in Dresden!

 

Katja Schill

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